Was ist eine Zwangsglattstellung (Stop-Out)? Nicht Ihr Stop-Loss, sondern die letzte Verteidigungslinie der Plattform
Sie wachen morgens auf, öffnen Ihre Trading-Software, und die Positionen, die gestern Abend noch offen waren, sind alle verschwunden.
In Ihrem Handelsverlauf stehen mehrere Glattstellungen, die Sie nie ausgelöst haben, und auf dem Konto ist nur noch ein kleiner Teil des Geldes übrig.
Hat das System einen Fehler gemacht?
Nein, das ist kein Systemfehler, sondern eine Zwangsglattstellung – im Trader-Jargon oft einfach „Stop-Out“ genannt.
Dies ist Teil sieben der Serie „Trading-Akademie · Praxiswissen für Einsteiger“ von MASQuant. Die sechs vorherigen Teile haben jeden Schritt eines Trades behandelt, von der Order bis zum Halten über Nacht: Kontraktspezifikation, Lotgröße, Hebel, Stop-Loss, Spread und Swap. In diesem Teil geht es um die Linie, auf die Ihr Konto am Ende prallt, wenn diese Punkte vernachlässigt werden.
Kurz gesagt
Eine Zwangsglattstellung ist nicht der Stop-Loss, den Sie gesetzt haben, sondern der Knopf „Schließen“, den die Plattform für Sie drückt, damit Ihr Konto nicht negativ wird.
Wann es dazu kommt, hängt nicht davon ab, wie viel ein einzelner Trade verloren hat, sondern vom „Margin-Level“ des gesamten Kontos.
Zuerst auseinanderhalten: Kontostand, Eigenkapital, Margin
Der Kontostand (engl. Balance) ist das Geld, das bereits feststeht. Beim Eigenkapital (engl. Equity) wird zusätzlich der unrealisierte Gewinn oder Verlust der noch offenen Trades eingerechnet – also Gewinne und Verluste aus Positionen, die noch nicht geschlossen sind und mit dem Kurs schwanken:
Eigenkapital = Kontostand + aktueller unrealisierter Gewinn oder Verlust
Offene Trades binden eine Sicherheit, die sogenannte genutzte Margin (engl. Margin). Teil drei hat gezeigt, dass sie kein Stop-Loss ist. Das Eigenkapital abzüglich der genutzten Margin ergibt die freie Margin (engl. Free Margin): Das ist das Geld, mit dem Sie noch neue Trades eröffnen und Verluste auffangen können.
Margin-Level: der Prozentwert, den die Plattform im Blick hat
Margin-Level (engl. Margin Level) = Eigenkapital ÷ genutzte Margin × 100 %
Einfach gesagt: Das Margin-Level zeigt, das Wievielfache der gesperrten Sicherheit Ihr Eigenkapital beträgt. Wächst der unrealisierte Verlust (weniger Eigenkapital) oder eröffnen Sie neue Trades (mehr genutzte Margin), sinkt es.
Zwei Linien: Margin-Call-Level und Stop-Out-Level
| Margin-Call-Level | Stop-Out-Level | |
|---|---|---|
| Was passiert, wenn es erreicht wird | Die Plattform erinnert Sie daran, Geld einzuzahlen oder selbst Positionen zu reduzieren | Die Plattform wartet nicht mehr auf Sie und schließt Positionen direkt für Sie |
| Beispiel in diesem Artikel | 100 % | 50 % |
Das Margin-Call-Level ist eine Warnung. Nehmen wir 100 %: Dann entspricht das Eigenkapital genau der genutzten Margin, die freie Margin beträgt 0, und in der Regel lassen sich keine neuen Trades mehr eröffnen.
Das Stop-Out-Level ist die letzte Verteidigungslinie. Die Plattform schließt in der Regel zuerst die Position mit dem größten Verlust und gibt deren Margin frei; liegt das Margin-Level danach wieder über der Linie, hört sie auf. Reicht das nicht, schließt sie die nächste Position.
Bei welchem Prozentwert die beiden Linien liegen, hängt von Plattform und Kontotyp ab. In diesem Artikel werden 100 % und 50 % nur verwendet, weil sich damit leicht rechnen lässt; sie geben nicht die tatsächlichen Vorgaben irgendeiner Plattform wieder.
Eine Zwangsglattstellung ist etwas anderes als ein Stop-Loss
Wenn es umgangssprachlich heißt, ein Konto sei „liquidiert“ worden, ist genau das gemeint: Die Plattform hat die Positionen zwangsweise glattgestellt. Ein Stop-Loss dagegen ist der Ausstiegspunkt, den Sie selbst festlegen: „Erreicht der Kurs dieses Niveau, lag ich falsch“ (Teil vier). Über die Zwangsglattstellung entscheidet die Plattform; sie schützt Ihr Konto davor, negativ zu werden, nicht Ihren Trading-Plan.
Beim Wertpapierkredit für Aktien in Taiwan gibt es eine „Mindestdeckungsquote“, bei Futures eine „Erhaltungsmarge“ (Maintenance Margin): Margin Call und Zwangsglattstellung folgen derselben Logik. Maßgeblich für die tatsächlichen Quoten sind die Angaben von Broker und Börse.
Ein einfaches Rechenbeispiel
(Das sind Beispielzahlen, keine echten Kurse oder Vorgaben einer Plattform; damit sich leicht rechnen lässt, wird angenommen, dass die genutzte Margin durchgehend bei 500 US-Dollar bleibt)
Ihr Kontostand beträgt 1.000 US-Dollar. Sie eröffnen einige Trades, die zusammen 500 US-Dollar Margin binden:
| Status | Unrealisierter G/V | Eigenkapital | Margin-Level | Was passiert |
|---|---|---|---|---|
| Gerade eröffnet | 0 | 1.000 | 200 % | Alles normal |
| Verlust wächst | −500 | 500 | 100 % | Margin-Call-Level erreicht: Die Plattform erinnert Sie daran, Geld einzuzahlen oder Positionen zu reduzieren |
| Verlust wächst weiter | −750 | 250 | 50 % | Stop-Out-Level erreicht: Die Plattform beginnt, Ihre Positionen zu schließen |
Was die Zwangsglattstellung „rettet“, sind nur die letzten 250 US-Dollar. Wenn die Plattform eingreift, hat das Konto bereits drei Viertel seines Geldes verloren, und keinen einzigen Schritt davon haben Sie selbst entschieden. Hätten Sie vorher einen Stop-Loss gesetzt und mit der Formel aus Teil zwei den Verlust pro Trade auf einen Betrag begrenzt, den Sie verkraften können, wären Sie in der Regel gar nicht erst bis zum Margin-Call-Level gekommen.

Warum es zur Zwangsglattstellung kommt: drei häufige Ursachen
1. Zu große Lotgröße: Die freie Margin wird ausgeschöpft
Nehmen wir dasselbe Konto mit 1.000 US-Dollar. Wenn Sie gleich zu Beginn 900 US-Dollar Margin nutzen, liegt das Margin-Level nur bei etwa 111 %, und schon bei einem unrealisierten Verlust von 100 US-Dollar ist das Margin-Call-Level erreicht (auch das sind Beispielzahlen). Je mehr Margin genutzt wird, desto größer ist in der Regel auch die Position und desto mehr Gewinn oder Verlust bringt jeder Tick: Sie sind näher an der Linie und bewegen sich auch schneller auf sie zu. Genau das ist mit dem Satz aus Teil zwei gemeint: „Dass die Margin reicht, heißt nicht, dass auch das Risiko tragbar ist.“
2. Kein Stop-Loss, sodass der unrealisierte Verlust immer weiter wächst
Ohne Stop-Loss bleibt für diesen Trade als einziger Ausstieg nur das Stop-Out-Level der Plattform. Teil drei hat gezeigt, dass die Margin kein Stop-Loss ist. Ergänzend gilt hier: Das Stop-Out-Level ist auch keiner.
3. Kurslücken: mehrere Linien auf einmal überspringen
Eine Kurslücke (Gap) entsteht, wenn der Kurs von einer Notierung direkt auf die nächste springt, ohne dass dazwischen gehandelt werden kann. Häufig kommt das bei der Marktöffnung nach der Wochenendpause oder bei der Veröffentlichung wichtiger Nachrichten vor.
Das Margin-Level kann in einem Zug von oberhalb des Margin-Call-Levels bis unter das Stop-Out-Level fallen, ohne dass noch Zeit für eine Warnung bleibt. Geschlossen wird zu dem Kurs, zu dem in diesem Moment tatsächlich ausgeführt werden kann; dadurch kann noch weniger Geld übrig bleiben, und im Extremfall kann das Eigenkapital sogar negativ werden. Genau davor soll der in Teil drei besprochene Negativsaldoschutz schützen; ob es ihn gibt und wie er greift, hängt von der Plattform und den am jeweiligen Standort geltenden Vorschriften ab.
So vermeiden Sie eine Zwangsglattstellung: drei Entscheidungskriterien
Es gibt keine feste Quote, die Sie einfach übernehmen könnten, aber vor jeder Order können Sie sich drei Fragen stellen:
- Entscheidet mein Stop-Loss über den Ausstieg, oder warte ich darauf, dass die Plattform entscheidet?
- Habe ich die Lotgröße aus dem Betrag zurückgerechnet, den ich „höchstens zu verlieren bereit bin“, oder danach gewählt, „für wie viele Lots die Margin noch reicht“?
- Wo liegt das Margin-Level, kurz bevor meine Stop-Loss-Orders ausgelöst werden? Addieren Sie, was jeder Trade verlieren würde, wenn er bis zu seinem Stop-Loss läuft, ziehen Sie die Summe vom Eigenkapital ab und teilen Sie das Ergebnis durch die genutzte Margin. Liegt der Wert nahe am Margin-Call-Level oder sogar unter dem Stop-Out-Level, bedeutet das: Die Plattform greift möglicherweise vor Ihrem Stop-Loss ein.
Häufige Fehler
1. Bei einer Margin-Call-Warnung als Erstes Geld einzahlen, um durchzuhalten
Geld einzuzahlen ist eine Möglichkeit, aber es hebt nur das Margin-Level an. Ein Trade, bei dem Sie falschlagen, wird dadurch nicht richtig; der mögliche Verlust wird lediglich nach hinten verschoben. Gehen Sie bei einer Warnung zuerst zur Frage aus Teil vier zurück: Gilt der Grund für diesen Trade noch?
2. Nur den Verlust einzelner Trades betrachten, nicht das ganze Konto
Jeder Trade scheint nur ein wenig im Minus zu sein, aber das Margin-Level wird über alle offenen Positionen zusammen berechnet. Laufen mehrere Trades gleichzeitig gegen Sie, fällt das Margin-Level viel schneller, als es aussieht, wenn Sie die Trades einzeln betrachten.
Das Margin-Level in MT5 ansehen
- Drücken Sie Strg+T, um das Fenster „Werkzeuge“ (Toolbox) zu öffnen, und wechseln Sie zur Registerkarte „Handel“ (Trade).
- Unter der Liste der offenen Positionen steht eine Zeile mit dem Kontostatus: Kontostand (engl. Balance), Eigenkapital (MT5: „Kapital“, engl. Equity), genutzte Margin (MT5: „Marge“, engl. Margin), freie Margin (MT5: „Freie Margin“, engl. Free Margin) und Margin-Level (MT5: „Margin Stand“, engl. Margin Level). In anderen Sprachversionen von MT5 heißen diese Felder teils anders; am zuverlässigsten ist der Abgleich mit der englischen Bezeichnung.
- Gerät das Konto in den Margin-Call- oder Stop-Out-Zustand, färbt sich diese Zeile rot.
- Bei welchem Prozentwert das Margin-Call-Level und das Stop-Out-Level Ihres Kontos liegen, richtet sich nach den Handelsbedingungen, die die Plattform für das Konto veröffentlicht. Wenn Sie unsicher sind, fragen Sie die Plattform – raten Sie nicht.
Häufige Fragen
Was ist eine Zwangsglattstellung (Stop-Out)?
Eine Zwangsglattstellung, im Trader-Jargon oft einfach „Stop-Out“ genannt, läuft so ab: Fällt das Margin-Level auf das von der Plattform festgelegte Stop-Out-Level, schließt die Plattform Ihre Positionen direkt, in der Regel beginnend mit der Position mit dem größten Verlust. Die Zwangsglattstellung ist nicht der Stop-Loss, den Sie gesetzt haben, sondern die letzte Verteidigungslinie der Plattform, damit Ihr Konto nicht negativ wird.
Wie wird das Margin-Level berechnet?
Margin-Level = Eigenkapital ÷ genutzte Margin × 100 %, wobei Eigenkapital = Kontostand + aktueller unrealisierter Gewinn oder Verlust. Ein wachsender unrealisierter Verlust verringert das Eigenkapital, und neue Trades erhöhen die genutzte Margin; beides lässt das Margin-Level sinken.
Worin unterscheiden sich Margin-Call-Level und Stop-Out-Level?
Das Margin-Call-Level ist eine Warnung: Die Plattform erinnert Sie daran, Geld einzuzahlen oder Positionen zu reduzieren; ob Sie Positionen schließen, entscheiden Sie selbst. Das Stop-Out-Level ist die letzte Verteidigungslinie: Die Plattform schließt Ihre Positionen direkt. Bei welchem Prozentwert die beiden Linien liegen, hängt von Plattform und Kontotyp ab.
Kann es trotz Stop-Loss zur Zwangsglattstellung kommen?
Ja, das ist möglich. Bei einer Kurslücke kann der Kurs direkt über den Stop-Loss hinwegspringen, sodass der Ausführungspreis schlechter ist als der Stop-Loss-Kurs. Und wenn die Verluste mehrerer Trades bis zu ihrem jeweiligen Stop-Loss zusammen zu groß sind oder die Margin zu stark ausgelastet ist, kann das Margin-Level das Stop-Out-Level auch schon erreichen, bevor die Stop-Loss-Orders ausgelöst werden.
Wo sehe ich das Margin-Level in MT5?
Drücken Sie Strg+T, um das Fenster „Werkzeuge“ (Toolbox) zu öffnen. Auf der Registerkarte „Handel“ (Trade) stehen unter der Liste der offenen Positionen in einer Zeile Kontostand, Eigenkapital, genutzte Margin, freie Margin und Margin-Level (MT5: „Margin Stand“, engl. Margin Level); gerät das Konto in den Margin-Call- oder Stop-Out-Zustand, färbt sich diese Zeile rot.
Fazit
Teil eins sagt: Prüfen Sie zuerst die Kontraktspezifikation. Teil zwei: Berechnen Sie zuerst die Lotgröße. Teil drei: Die Margin ist kein Stop-Loss. Teil vier: Setzen Sie den Stop-Loss dorthin, wo Sie falschliegen. Teil fünf: Dass ein Trade direkt nach dem Einstieg im Minus steht, ist ganz normal. Teil sechs: Wer Positionen über Nacht hält, muss den Swap als Kosten einrechnen. Dieser Teil handelt von der Linie, auf die Ihr Konto am Ende prallt, wenn nichts davon beachtet wurde: die Zwangsglattstellung.
Die Zwangsglattstellung fragt nicht, ob Ihr Grund für den Trade noch besteht; sie richtet sich allein nach dem Margin-Level.
Als Merksatz: Der Stop-Loss ist der Ausstieg, den Sie wählen. Die Zwangsglattstellung ist der Ausstieg, den die Plattform für Sie wählt – sorgen Sie dafür, dass der zweite nicht zuerst kommt.
Risikohinweis: CFDs sind Finanzprodukte mit hohem Risiko und können zu schnellen Kapitalverlusten führen. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse. Alle Strategien und Backtests dienen nur als Referenz und stellen keine Anlageberatung dar. Die tatsächlichen Margin-Call- und Stop-Out-Level sowie die Reihenfolge der Glattstellung hängen von Plattform, Instrument und Kontotyp ab; bei Kurslücken oder schnellen Marktbewegungen kann der tatsächliche Ausführungspreis schlechter ausfallen als erwartet. Bitte machen Sie sich vor dem Handel gründlich mit unseren Risikohinweisen vertraut.
Weiterführende Artikel:
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